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Erfolgreich mit der Bewerbung per Du?

eine Frau sucht am PC einen Job

Bewerbung per Du?

Das ist eine Frage, die sich Bewerber immer häufiger stellen, nachdem auch Firmen in Inseraten ihre Adressaten immer öfter Duzen. Ob man die Bewerbung ebenso per Du gestalten sollte, hängt von verschiedenen Umständen ab.

Warum werden Inserate per Du gestaltet ?

Firmenkultur und Image

Da wir von einer durchgängigen Du Kultur, und somit von einem Selbstverständnis, noch einige Jahre – vielleicht sogar noch ein oder zwei Jahrzehnte – entfernt sind, handelt es sich oftmals um Botschaften, die das Unternehmen vermitteln will.

In vielen Fällen ist der Urheber des „Du- Inserates“ ein Start up bzw. ein sehr junges Unternehmen oder aber ein Unternehmen, dessen Zielgruppe größenteils eher jüngere Menschen sind. Mit der informellen Grußformel sollen Gleichheit, Offenheit und das „Fühl Dich wie unter Freunden“ Gefühl hervorgerufen werden.

In jedem Fall wollen sich solche Unternehmen modern präsentieren und ihre Anpassung an die VUCA Welt demonstrieren. Ob sie auch tatsächlich über die flachen Hierachien verfügen, die damit einher gehen, ist allerdings eine andere Frage.

Gesellschaftlicher Ausblick

Ich schätze, es wird noch einige Jahre dauern, bis sich die Du Kultur gänzlich durchsetzen wird. Genau  so lange nämlich, bis all jene, die sich heute nicht oder eher spärlich in sozialen Medien bewegen, in Pension gegangen sind.

Treiber der Du Kultur sind hauptsächlich die sozialen Medien, allen voran Facebook. Dort ist sehr schön zu sehen, dass die Du Kultur von den ursprünglich jungen Nutzern eingeführt wurde und mittlerweile Stimmen, die das „Sie“ einfordern, immer lauter werden, nachdem der Altersdurchschnitt der Nutzer stark gestiegen ist.

Unternehmerischer Ausblick

Die Globalisierung, und damit einhergehend das Verschwinden von Grenzen, setzt sich natürlich auch in der Arbeitswelt unaufhaltsam fort.

Mit dem immer stärker werdenden Eindringen der Generationen, die mit – und eventuell auch in – sozialen Medien aufgewachsen sind, ist das Du  auch in der Arbeitswelt nicht mehr aufzuhalten.

Wie bei anderen Themen auch (z.B. Aufkommen digitaler Geräte und Systeme) führt das zu einem starken Bruch auch in der Arbeitsgesellschaft, der erst mit dem Verschwinden der traditionell Erzogenen aufgelöst sein wird. Bis dahin müssen wir damit leben, dass manche sich mit dem Sie, andere mit dem Du nicht wohl fühlen.

Du per Knopfdruck?

Selbst wenn ein Unternehmen die Anpassung an die VUCA Welt demonstrieren will, so bin ich überzeugt, dass man eine Kultur nicht per Knopfdruck ändern kann.

Ganz entscheidend dafür, ob man in einem Unternehmen die Du Kultur implementieren kann, ist, ob sich auch das oberste Management Duzen lässt. Sollte das nicht der Fall sein, dann prophezeie ich, dass der Einzug der Du Kultur in diesem Unternehmen noch auf sich warten lässt. Genau das wird auch der Grund dafür sein, warum einige Unternehmen sich widersprüchlich mit ihren Botschafen verhalten.

Daher könnte also sein, dass gerade der Personalist, der vor Ihnen sitzt, sich das „Du“ nicht aufoktroyieren lassen möchte, auch wenn überwiegend eine „Du“ Kultur im Unternehmen herrscht. In  solchen „gespaltenen Unternehmen“, wird dies wahrscheinlich sogar häufiger vorkommen.

Zwischen zwei Welten

Manche Unternehmen befinden sich offenbar im Zwiespalt, ob Sie gänzlich zum Du übergehen sollen.

Ein bekanntes österreichisches Beispiel für die neue Du Kultur ist Mömax. Das Unternehmen richtet sich allerdings bislang nur mit seinen Werbeslogans an ein junges Zielpublikum. Die Homepage ist dennoch – abseits der Werbeslogans – durchgängig per Sie formuliert.

Anders beim auch international bekannten Red Bull. Hier ist ebenso erkennbar, dass man sich am Weg zum generellen Du befindet, allerdings ist auch dieses Unternehmen sich offenbar uneins. Die Marketingstrategie ist eher verwirrend.

So findet man nämlich auf den Karriereseiten unmittelbar neben der Botschaft „Erkenne Deine Stärken“ die Überschrift „Diese Experten können Ihrer Karriere Flügel verleihen“. Es scheint hier eher so zu sein, dass sich das Unternehmen mit „Du“ nur an sehr junge Leute, mit „Sie“ aber auch an ältere richten möchte. Allerdings findet sich auch die Textpassage „Hast Du das Zeug dazu?“ und unmittelbar darunter „In Ihrer Bewerbung …“ was meines Erachtens eher verstörend wirkt und jedenfalls auch eine Bewerbung per Sie verlangt.

Wo sich die Du Kultur schon durchgesetzt hat

Bei Firmen wie Runtastic (nunmehr Adidas), shpock und ähnlichen ist die Bewerbung per „Du“ schon Pflicht, um  – meines Gefühls nach – überhaupt in die engere Wahl zu kommen.

Dabei ist Adidas mit Runtastic ein sehr schönes Beispiel dafür, dass die Du Kultur auch nicht mehr zurückgenommen werden kann. Während Adidas auf seiner Homepage die Kunden größtenteils per Du anspricht, wird es dann förmlich, wenn man sich Unternehmensinformationen ansieht. Auf der Website der mittlerweile übernommenen Runtastic sind sogar die AGB per Du!

Zielgruppe des Inserates

Es ist sehr wahrscheinlich, dass das inserierende Unternehmen mit seiner Stellenanzeige per „Du“ eine ganz junge Bewerberschicht ansprechen möchte und sich eher nicht an Ältere wendet. Jedenfalls aber will das Unternehmen nur solche Mitarbeiter haben, die sich auch ihrerseits mit der Du Kultur tatsächlich identifizieren können.

Psychologischer Aspekt

In meinen Augen ist das Duzen in Stelleninseraten übrigens eine sehr elegante Variante das Diskriminierungsverbot zu umgehen. Schnell ist nämlich auch potentiellen Bewerbern klar, dass sie als älteres Semester wenig Chancen haben.

Und ich wage zu behaupten, dass viele potentielle Bewerber diese Botschaft verstehen und sich auch – bewusst oder unbewusst – danach verhalten. Eventuell werden sich manche von einem Inserat mit informeller Grußformel gar nicht angesprochen fühlen, andere werden es vielleicht sogar ablehnen. Und eventuell ist genau das das Ziel der Inserierenden.

Weitere Hinweise deuten

Oft finden sich übrigens auch noch andere Hinweise, dass sich das Inserat an junge Menschen wendet. Z.B. wird dem Jobtitel  ein „junior“ angehängt oder bei den Angeboten des Unternehmens findet sich der obligate Tischtennis Tisch und die explizite Nennung der Work Life Balance. Das alles sind Botschaften, die sich an die Generation y bzw. z wenden. In diesem Fall wird die Bewerbung eines älteren Bewerbers eher chancenlos sein.

Andere Länder – andere Sitten

Manche Firmen importierten die „Du“ Kultur übrigens schon vor langer Zeit. Prominentestes Beispiel dafür ist Ikea. Dort wurde man als Kunde bereits bei der ersten Filialeröffnung in Österreich vor ca. 30 Jahren geduzt. Allerdings hat sich damals recht schnell gezeigt, dass die österreichische Mentalität der Du Kultur noch nicht entsprach, weshalb nach wenigen Jahren die Mitarbeiter angewiesen worden waren, wieder zu Siezen.

Soll ich mich per „Du“ bewerben?

Unternehmenskultur per Du

Wenn Sie sich generell mit dem Du wohl fühlen, dann wird die Frage schnell geklärt sein. Überprüfen Sie die Homepage des Unternehmens. Wenn Sie feststellen, dass das Unternehmen die Du Kultur durchgängig sowohl an Kunden als auch an Bewerber pflegt, dann können Sie sich ebenfalls per „Du“ bewerben.

Ein Anruf in dieser Firma wird Ihnen übrigens gänzlich Sicherheit darüber geben, wie Sie Ihre Unterlagen gestalten sollten. Werden Sie auch am Telefon gedutzt, dann dürfen Sie ebenso Duzen, wenn Sie das wollen.

Wenn sich die Firma, wie oben gezeigt, eher zwiespältig präsentiert, dann bleiben Sie bis zum Vorstellungsgespräch beim „Sie“ und klären die Frage am Anfang des Gesprächs, bzw. warten ab, wie man Sie begrüßt.

Im Zweifelsfall

Ihre Bewerbung per Du sollten Sie jedenfalls nur verfassen, wenn Sie keine Zweifel daran haben, dass die informelle Anrede gewünscht ist. Anderenfalls könnte es Ihnen passieren, dass Sie Ihre Bewerbung jemandem schicken, der zwar nach außen hin, das Du mitträgt, in seinem Innersten aber ablehnt, von Unbekannten per Du angesprochen zu werden.

Bewerbung per Du bei Bekannten

Bewerben in der eigenen Firma

Wenn Sie den Adressanten Ihrer Bewerbung bereits kennen, weil es sich etwa um eine interne Bewerbung oder sogar beim eigenen Chef handelt , dann dürfen Sie ihn natürlich in jedem Fall auch Duzen. Es wäre widersinnig, ihn in Ihrer Bewerbung plötzlich zu Siezen.

Bewerben bei sonstigen Bekannten

Auch wenn Sie nicht bereits im Unternehmen arbeiten, den Adressaten aber persönlich kennen oder aber auch in einem beruflichen Netzwerk kennen gelernt haben und sich bereits öfter per Du – zumindest virtuell – begegnet sind, dürfen Sie sich per Du bewerben.

Allerdings ist auch in solchen Fällen entscheidend, welche Kultur das Unternehmen hat. In traditionellen Firmen sollten Sie daher mit folgender Grußformel beginnen:

„Sehr geehrter Herr Dr. Mayer,
lieber Hans“

(Natürlich nur dann, wenn der Adressat Ihres Schreibens auch tatsächlich Hans Mayer heißt. Das werden Sie sich aber sicher schon gedacht haben.)

In Folge setzen Sie das Schreiben informell mit „Du“ fort.

Fazit

Wenn alle Zeichen dafür sprechen, dass ein Unternehmen die Du Kultur durchgängig lebt, sollten Sie sich per Du bewerben.

Im Zweifelsfall verfassen Sie Ihre Bewerbung per Sie und warten das Vorstellungsgespräch und die Klärung, wie man miteinander umgehen möchte, ab.

Näheres über die Hintergründe zur Du Kultur finden Sie auch hier

Weitere interessante Beiträge zum Thema Bewerben finden Sie auch auf meinem YouTube Kanal!

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