Arbeitswelt 4.0

So verändert Corona die Arbeitswelt

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Als Karrierecoach mache ich mir seit längerem Gedanken darüber, wie Corona die Arbeitswelt verändert. Aktuell handelt es sich über weite Teile um Spekulationen und Vermutungen, da nur wenige wissenschaftliche Daten zur Verfügung stehen. Mit Sicherheit aber wurden viele Menschen durch die Krise aus ihrer Komfortzone geholt und sind an ihre Grenzen gestoßen.

Arbeitslosigkeit – Lock Downs – Corona

Mit aktuell 423.750 gemeldeten Arbeitslosen (Stand Oktober 2020) und 588.000 gemeldeten Personen während des ersten Lock Downs im März/April diesen Jahres hat Österreich 2020 die höchsten Werte der Arbeitslosenrate seit 1945 erreicht.

Der verschärfte Lock Down im November 2020, der den kompletten Handel, die Gastronomie, alle Freizeiteinrichtungen, Kunst und Kultur und andere Branchen abermals lahmlegt, wird die Arbeitslosenquote weiter steigen lassen. Laut dem Ökonomen Martin Kocher, Direktor des Instituts für höhere Studien, wird die Arbeitslosenquote noch bis 2024 höher sein als vor der Corona Krise.

Das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) hat im März 2020 im Auftrag der Stadt Wien analysiert, wie sich die Covid 19 Krise auf die Wiener Wirtschaft auswirkt. Demnach sind zwei Drittel der Wiener Erwerbstätigen von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise betroffen. Trotz erheblicher Unterschiede der Wirtschaftsstruktur Wiens und dem restlichen Österreich, geht das WIFO davon aus, dass die Zahlen für Gesamtösterreich gelten. Am stärksten sind durch den neuerlichen Lock Down insbesondere die Branchen Gastronomie und Hotellerie, Kunst und Unterhaltung, Erziehung und Unterricht und der Handel betroffen.

Kurzarbeit während der Coronakrise

Mit Stand Mai 2020 befanden sich 1,4 Millionen Österreicher in Kurzarbeit. Viele nutzten diese Zeit den eigenen Job und die Zufriedenheit damit zu reflektieren. Viele begannen auch die Vorteile der Kurzarbeit – insbesondere mehr Freizeit – zu schätzen. Die Möglichkeit die eigene berufliche Situation intensiver zu hinterfragen führt zur weiter unten erläuterten, erhöhten Wechselbereitschaft.

Aktuell sind 4 von 10 Erwerbstätigen in Österreich von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen.

Gewinner und Verlierer der Krise

Die WIFO Studie bescheinigte der Baubranche vor dem ersten Lock Down bessere Rahmenbedingungen als anderen Branchen. Der hohe Anteil von ausländischen Arbeitskräften stellte allerdings auch dort ein hohes Ausfallsrisiko dar. Im Handel ging die WIFO zumindest noch im März 2020 von Aufholeffekten bei halbdauerhaften Gütern (z.B. Bekleidung) und dauerhaften Konsumgütern (z.B. Möbel, Pkw) aus. Gewinner der Krise sind jedenfalls der Handel von Produkten des täglichen Bedarfs.

Die Hotellerie und Gastronomie sind in der Arbeitswelt während Corona die absoluten Verlierer, da sie sowohl nachfrageseitig durch weniger Touristen und Geschäftsreisenden als auch angebotsseitig durch verstärkten Einsatz an weiblichen und ausländischen Arbeitskräften an der Planungsunsicherheit und an vorverlegten oder dauernden Sperrzeiten leiden.

Aus meiner persönlichen Sicht ist insgesamt auch nach der Corona Krise ein starker Rückgang der Gastronomie zu erwarten. Kleine Unternehmen und Familienbetriebe werden nach Alternativen suchen und ihren Betrieb eventuell ganz aufgeben oder auf alternative Einnahmequellen (z.B. Lieferservice) umstellen. Ich vermute auch für die Zukunft eine geringere Risikobereitschaft was die zukünftige Eröffnung von Gastronomiebetrieben anbelangt.

Wenig überraschend sind die Zunahme des Handels im Internet, steigende Umsätze bei allen Telekommunikationsanbietern für Datentransfer, sowie die Nachfrage nach allen Dienstleistungen die digitale Kommunikation und digitalen Handel ermöglichen.

Erhöhte Wechselbereitschaft trotz Corona

Die Krisensituation wirkt sich unweigerlich auch auf den Stellensuchmarkt aus. Auf den ersten Blick ist interessant, dass die Wechselbereitschaft vieler Arbeitnehmer zwischen 16 und 60 Jahren laut einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstitutes Marketagent.com um 12 Prozentpunkte im Vergleich zu 2019 gestiegen ist. Zwar rangiert das häufigste Wechselmotiv Geld immer noch auf Platz 1, hat aber zugunsten „softer Werte“ wie Verwirklichung und Unternehmenskultur an Bedeutung verloren.

Auf den zweiten Blick ist das Ergebnis meiner Meinung nach wenig überraschend, gaben doch insgesamt 88% der Befragten an, dass „schlechte Stimmung am Arbeitsplatz“, „ein negatives Arbeitsklima“ „Unzufriedenheit mit den derzeitigen Arbeitsbedingungen“ „Unzufriedenheit mit meinem Vorgesetzten“,  „Unzufriedenheit mit meinen Kollegen“ oder „Unzufriedenheit mit der Firmenpolitik“ herrsche.

Gründe dieser schlechten Stimmung und der Unzufriedenheit sind unter anderem unprofessioneller Umgang mit der Krise durch den Arbeitgeber.  Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist dies auf die fehlende Planungssicherheit der Unternehmen, auf die daraus resultierende eigene Unsicherheit und auf ihre mangelnde Flexibilität sich umzustellen, zurückzuführen.

Stellenausschreibungen während Corona

Den vielen Kündigungen trotz Kurzarbeit und Unterstützungsmaßnahmen durch die Regierung stehen – wenig überraschend – weniger Stellenausschreibungen als 2019 gegenüber. Im Juli 2020 betrug die Anzahl der Stellenausschreibungen laut Indeed um 39% weniger als im Vergleichsmonat des Vorjahres.

Aufgrund der Situation meiner Klienten mache ich selbst unterschiedliche Erfahrungen. Ich habe einige Klienten, die sogar im Lock Down zahlreich erfolgreiche Bewerbungen versandt und anschließend Jobzusagen erhalten haben und andere, die hinsichtlich ihrer Bewerbungen laufend vertröstet werden, da unternehmensintern keine Entscheidung getroffen wird, Interviews zu führen. Allen ist gemein, dass sie durchaus immer wieder interessante Stellenausschreibungen finden.

Auf der Hand liegt aber auch, dass die Krise weniger Ausschreibungen und potentielle Jobchancen in den Branchen nach sich zieht, die durch die Schließung betroffen sind. Der Ausschreibungsrückgang bezieht sich daher mit Sicherheit auf handwerkliche Berufe, auf den Handel und die Gastronomie.  

Digitalisierung – Corona als Treiber in eine neue Arbeitswelt

Der Ausbruch der Pandemie und die ergriffenen Maßnahmen zu ihrer Eindämmung haben der voranschreitenden Digitalisierung einen unerwarteten Schub verliehen. Mitarbeiter aller Branchen, in denen es möglich war, wurden ins Home Office gezwungen. Über die Auswirkungen für Mitarbeiter und Arbeitgeber lesen Sie hier:  Vor- und Nachteile vom Home Office aus Arbeitnehmersicht – Vor- und Nachteile vom Home Office aus Arbeitgebersicht

Auch die Reisebeschränkungen führten dazu, dass Konferenzen und Meetings vermehrt über digitale Medien abgehalten werden. Applikationen wie Skype, Zoom, Facetime und andere erfuhren einen Boom und haben massiv an Nutzern gewonnen.

Arbeitgeber werden diese neu entdeckten Kosteneinsparungsquellen mit Sicherheit auch zukünftig nutzen. Es ist davon auszugehen, dass Unternehmen anfangen werden, ganze Standorte aufzulassen, wenn die Kosten-Nutzenberechnungen positive Ergebnisse liefern. Früher als gedacht, werden daher Bürokomplexe in Zukunft zu Wohnkomplexen oder anderem umgebaut werden. Ein derartiger Trend war bereits vor der Krise spürbar. Viele Unternehmen haben bereits begonnen, ihren Arbeitnehmern keine fixen Arbeitsplätze mehr zur Verfügung zu stellen, sondern haben von ihnen erwartet, sich jeden Morgen einen freien Arbeitsplatz für den jeweiligen Tag zu suchen.

Crowdworking

Ein Trend, der in Österreich in den meisten Branchen eher unbekannt ist, ist das Crowdworking. Darunter versteht man das digitale Zusammenarbeiten mehrerer Menschen an einem Projekt oder an einer Aufgabe, die sich in unterschiedlichen Ländern oder gar Kontinenten befinden.

Bislang hauptsächlich in der IT Branche eingesetzt, könnte dieser Trend sich auch in anderen Bereichen durchsetzen, wenn sein Potential erkannt wird. Dadurch könnte vor allem der Fachkräftemangel in manchen Ländern kompensiert werden. Die Arbeitgebernachfrage wird sich daher zukünftig verstärkt in Richtung einzelner Fähigkeiten verschieben.

Unternehmensleitungen

Die Lock Downs haben gezeigt, wie schnell Unternehmen ihre Existenzgrundlage verlieren können. Insbesondere Ein Personen Unternehmen (EPUs) die von einer gänzlichen Schließung betroffen sind, werden aus meiner persönlichen Sicht in Anstellungsverhältnisse zurückdrängen. Das Bedürfnis nach Arbeitsplatzsicherheit ist stark gestiegen und viele verfügen nicht über die finanziellen Ressourcen, die nötig sind, um lange Durststrecken zu überbrücken.

Klein- und Mittelständische Unternehmen (KMU) haben durch die spontanen Schließungen spätestens jetzt gelernt, flexibel und unabhängig zu sein. Sie werden nach Möglichkeit danach trachten, teure Fixkosten zu minimieren. Der teuerste Faktor diesbezüglich ist das Humankapital. Daher könnte ein neuer Aufwärtstrend zu Arbeitskräfteüberlassung und Werkverträgen entstehen, da der Unternehmer in diesem Fall das Ausfallsrisiko nicht trägt. Eine Untersuchung des amerikanischen Beratungsunternehmens Gartner hat gezeigt, dass 32% der amerikanischen Unternehmen während der Pandemie ihr Stammpersonal durch Leiharbeiter ersetzt haben. Inwieweit die österreichische Gesetzeslage und insbesondere die in Österreich starken Arbeitnehmervertretungen diese Möglichkeit zulassen, bleibt abzuwarten.

Die von der Regierung unberechenbar beschlossenen Lock Downs haben Unternehmen jedenfalls in die Situation gebracht, Prozesse aufstellen zu müssen, die ihr Reaktionstempo auf unerwartete Ereignisse erhöht. Gleichzeitig werden mit Sicherheit viele Unternehmen darüber nachdenken, in welche Richtung sie ihr Unternehmen künftig treiben, um kontaktlos Umsätze generieren zu können.

Führungsstile in der Corona Arbeitswelt

Am Beginn jedes Lock Downs befindet sich ein Unternehmen in einem Changezustand, der autoritäre Führung verlangt. Mitarbeiter brauchen in dieser Phase Orientierung und das Gefühl der Sicherheit. Erfolgen mehrere Lock Downs in unterschiedlichen zeitlichen Abständen, werden sich erfolgreiche Unternehmen sehr schnell an die geänderten Bedingungen anpassen können. Dementsprechend schnell wird aus der Changephase Regelbetrieb.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass im ersten Lock Down die wenigsten Führungskräfte rasch in den Modus autoritärer Führung umgeswitcht sind. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die obengenannte Wechselbereitschaft darauf zurückzuführen. Führungskräfte, die in der Zeit der Krise selbst planlos und unfähig sind, den Mitarbeitern gegenüber Sicherheit zu demonstrieren, werden scheitern.

Autoritäre Führung ist jedoch keinesfalls so zu verstehen, dass Führungskräfte ihre Mitarbeiter ausschließlich verstärkt kontrollieren sollen. Vielmehr müssen Führungskräfte sehr rasch in der Lage sein, einzuschätzen, welcher Mitarbeiter stärkere Unterstützung und Kontrolle braucht und welcher einen kooperativen Führungsstil braucht.

Führungskräfte müssen also gerade jetzt jene Mitarbeiter massiv dabei unterstützen, sich im Home Office zurechtzufinden, die bislang nicht gewohnt waren, in diesem Ausmaß digital zu arbeiten. Gleichzeitig bedarf es des Vertrauens, dass Mitarbeiter weiterhin ihr Bestes geben und nach Kräften versuchen werden, Homeschooling und Homeworking unter einen Hut zu bringen.

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